Rückschau

Rückschau

An dieser Stelle möchte ich keine theoretischen Grundlagen der Bindungstheorie oder irgendwelche Statistiken hervorkramen, wie viele Menschen einen unsicheren Bindungsstil haben und wie viele nicht. Es reicht zu erwähnen, dass die Grundlagen der Bindung in der Kindheit gelegt werden. Was oftmals nicht erwähnt wird, sind mögliche genetische Veranlagungen und Überschneidungen mit psychischen Krankheiten. Wenn du selbst Probleme hast Beziehungen einzugehen, sei es intime oder freundschaftliche, dann darfst du dir psychotherapeutische Hilfe suchen.

Eltern, Familie und Bezugspersonen

Rückblickend betrachtet ist es zwar beruhigend Ursachen zu finden und vielleicht den Eltern die Schuld am eigenen Unglück geben zu können, es löst allerdings nicht die Probleme und zeigt meistens nur die mit Schmerz erfüllte Sichtweise.

Die Suche nach einer Ursache kann wie ein unstillbarer Hunger sein. Hat man einen vermeintlichen Grund gefunden, kann man das eigene Gewissen wieder geraderücken. Ich bin unschuldig, ich kann nichts dafür, ich bin der Gute. Diese Sichtweise ist kurzfristig sehr entlastend, gibt jedoch keinen Raum für Selbstwirksamkeit.

Wer sich im Schmerz befindet, blendet all das andere aus, was gut war. Außerdem besteht die Gefahr, dass man unbewusst Gründe erzeugt um sich selbst zu entlasten. Man kann Erinnerungen an Dinge entwickeln, die nie wirklich passiert sind. Diesen Effekt nennt man False Memories. Ich habe es nicht als sinnvoll erlebt krampfhaft nach Erlebnissen zu suchen, Verhaltensweisen meiner Eltern zu analysieren, warum ich so geworden bin, wie ich nun mal bin.

Es fällt mir schwer hier über meine Kindheit zu schreiben. Nicht nur weil ich die Privatsphäre meiner Eltern und Geschwister respektieren möchte, sondern auch, weil sie heute alle für mich da sind. Bis zu diesem Punkt zu kommen hat lange gedauert, aber ich betrachte ihn als den sinnvolleren.

Finanziell waren und sind meine Eltern immer für mich da gewesen. Wenn ich Außenstehenden von meinen Problemen erzähle, können Sie meine Probleme oftmals nicht nachvollziehen. Was ich als Grund für meinen Bindungsstil betrachte, war eine fehlende emotionale Seite. Meine Bedürfnisse wurden aus meiner Sicht nur selten wahrgenommen, geschweige denn konnte ich diese gegenüber dominanten Geschwistern durchsetzen. Wenn ich mich wehren wollte führte dies oft dazu, dass ich am Ende der Schuldige war. Unsere Eltern waren beide berufstätig und letztendlich war da mehr als ein Kind, was seine Bedürfnisse erfüllt haben wollte. Ein wahrer Kampf um Bezugspersonen, bei zwei vom Alltag überforderten Eltern.

Irgendwann äußerte ich keine Bedürfnisse mehr und empfand mich als Last. Gefühle wurden beiseite geschoben und nicht mehr geäußert. Um Stress zu vermeiden habe ich gelernt zu gehorchen und zu warten, bis man mir sagt was zu tun ist. Jeder soziale Umgang führte irgendwann zu noch mehr Stress, weil unterschwellig der Gedanke vorliegt, für andere da sein zu müssen und nicht das Recht zu haben auch mal Nein zu sagen. Verbunden mit einem hochfunktionalen Handeln, nach Außen halbwegs normal zu wirken und nicht aufzufallen. Ich habe nicht gelernt wie man mit Kritik umgeht oder diese aushält, geschweige denn, wann Kritik berechtigt ist oder nicht. Heute reagiere ich sehr empfindlich und sehe Anmerkungen schnell als Ablehnung meiner Person. Es fällt mir schwer damit umzugehen.

Dieses Empfinden wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Freundschaften, Beruf und Beziehungen - sofern vorhanden.

Die Folgen kennen viele Menschen mit vermeidenden Bindungsstil und ich bin mir ziemlich sicher, dass es noch weit mehr zu entdecken gibt. Die Prozesse sind sehr subtil und unbewusst.

Was mir hilft

Nein, man muss nicht alles verzeihen. Dafür sind einige Menschen und deren Taten einfach zu einschneidend und rücksichtslos. Es ist allerdings auch nicht sinnvoll, sich selbst in der Vergangengeit festzuhalten und den eigenen Groll zu füttern. Irgendwann ist es Zeit Verantwortung zu übernehmen und sich andere Sichtweisen anzueignen. Genau dafür kann eine Arschlochfamilie ein gutes Übungsfeld sein.

Es gibt gute Gründe, warum man den Kontakt zur eigenen Familie abbrechen sollte. Und es gibt gute Gründe zu prüfen, ob die eigene Sichtweise der Realität entspricht oder wirklich so schwarz-weiß ist, wie man sie wahrnimmt.

An einigen Stellen habe ich den Begriff Reparenting (Nachbeelterung) aufgeschnappt. Beim Reparenting soll man als Erwachsener das Kind-Sein ablegen lernen. Ich weiß nicht ob dieses Konzept dahinter wissenschaftlichen Grundlagen entspricht. Den Begriff halte ich nur für bedingt passend, da man bereits Erwachsen ist und lediglich gewisse Eigenschaften und Handlungsweisen erlernen muss. Viele übernehmen bereits berufliche Verantwortung, führen einen Haushalt, bezahlen Miete, verlassen morgens das Bett, was auch immer.

Mir hat es zum Teil eher geholfen meine Eltern als Kinder zu sehen. Sie haben immer ihr Bestes gegeben. Das heißt aber nicht, dass alles richtig war, was sie gemacht haben. Sie sind ebenfalls Opfer ihrer Prägungen und hatten vielleicht nicht die Gelegenheit, sich mit ihren Problemen beschäftigen zu können. Da waren Kinder für die sie Verantwortung übernehmen wollten, Rechnungen die bezahlt und Arbeit die erledigt werden musste. Viele Themen, die sich gegenseitig beeinflussen und viel Zeit in Anspruch nehmen.

Die Sichtweise, meine Eltern als Kinder zu betrachten, hat mir geholfen die Autorität aus der Beziehung zu nehmen und mir selbst Raum zu geben. Eltern sind nicht perfekt und das müssen sie auch nicht sein. Irgendwann ist der Punkt gekommen, an dem man nicht mehr gehorchen muss. Sie als Kinder zu betrachten, hat mir zusätzlich geholfen Wut und Trauer aus meinen Reaktionen zu nehmen. Wer kann Kindern schon wirklich böse sein? Ich zumindest nicht.

Was irgendwann weh tun kann

Die Erkenntnis kann ziemlich schwer wiegen, dass man unbewusst die Dinge wiederholt, die man bei den Eltern früher gehasst hat. Dass man sich zwar als Opfer fühlt, aber gleichzeitig das macht, was eigentlich nicht mit den eigenen Wünschen und Werten vereinbar ist. Des Öfteren habe ich aus purer Überforderung Leute angeschwiegen und die Flucht ergriffen. Egal wie man es dreht und wendet: das war nicht in Ordnung. Irgendwie möchte ich der Gute sein, bin es aber nicht.

Abwertung anderer Menschen kann ein Schutzmechanismus sein, der zwar das eigene Selbst erhöht (um nicht klein zu wirken), aber anderen Menschen auch sehr viel Unrecht antun kann. Dazu passt der Spruch “Halte deine eigene Spielfläche sauber” und als Vermeider tut man gut daran, genau dies zu lernen.

Es gibt viele weitere Themen, die für Vermeider nützlich sein können. Achtsamkeitsübungen, um Bezug zu den eigenen Emotionen zu finden. Selbstwertübungen, um lernen Nein zu sagen. Oder Externalisierung, wie diesen Blog, um Probleme auf Abstand zu bringen und von anderen Seiten betrachten zu können. Am ehesten jedoch eine Psychotherapie, da die Bearbeitung von Bindungsthemen einen Übungspartner brauchen.

Ich habe einen ängstlich-vermeidenen Bindungsstil, was manchmal ziemlich weh tut. Es ist ein eigenes Normal und schwierig zu verstehen, sowohl für mich, als auch für andere.

Sonstiges

Cover: Free for use under the Pixabay Content License
Bildquelle: https://pixabay.com/illustrations/clock-alarm-clock-time-past-1702513/